Wenn die Debatte wichtiger wird als das Ziel

Dass wir unterschiedliche Meinungen haben und darüber streiten können, gehört für mich zur Demokratie. Kritik und Diskussionen sind notwendig. Nur frage ich mich zunehmend, worauf manche Debatten eigentlich noch hinauslaufen.

Es wird kommentiert, bewertet und analysiert, bis kaum noch zu erkennen ist, welches Problem wir ursprünglich lösen wollten. Jeder Vorschlag wird zerlegt und jede Entscheidung wieder geöffnet. Kontrolle muss sein, aber irgendwann sollten wir mit den gehörten Argumenten auch etwas anfangen können.

Mehr Beteiligung klingt zunächst vernünftig. Wenn jedoch jede Entscheidung in weiteren Gesprächsrunden, Arbeitsgruppen und Stellungnahmen endet, geht das Ziel irgendwann verloren. Ich ertappe mich bei dem Gedanken: Fragen wir noch „Wie lösen wir das Problem?“ oder nur noch „Wer hat dazu noch eine Meinung?“

Dass heute fast jede Diskussion öffentlich geführt werden kann, ist ein Gewinn. Es lädt allerdings auch dazu ein, sich überall einzubringen, selbst wenn man weder betroffen ist noch eine Lösung beizutragen hat. Dann scheint manchmal die Zahl der Wortmeldungen mehr zu zählen als das Ergebnis.

Das Ergebnis ist häufig Stillstand.

Zur Demokratie gehört für mich auch, nach einer Diskussion zu entscheiden und später zu prüfen, ob die Entscheidung etwas gebracht hat. Perfekt wird sie selten sein. Gar nichts zu entscheiden halte ich meistens trotzdem für die schlechtere Wahl.

Das beobachte ich auch in Unternehmen, Vereinen und Organisationen. Konzepte und Protokolle werden geschrieben, Arbeitsgruppen gegründet, alles wird noch einmal abgestimmt. Was mir manchmal fehlt, ist jemand, der sagt: „Wir haben alle Argumente gehört. Jetzt machen wir es.“

Vielleicht wollen wir uns damit vor der Verantwortung schützen. Wer entscheidet, kann Fehler machen und muss dafür geradestehen. Wer weiterdiskutiert, muss das seltener. Dabei brauchen wir nach der Debatte Menschen, die das Besprochene umsetzen.

Irgendwann müssen wir uns entscheiden. Vom Diskutieren allein verschwindet das Problem nicht.

Haben wir genug Informationen, um loszulegen? Diese Frage würde ich mir an vielen Stellen häufiger wünschen. Wir werden vorher weder jedes Risiko ausschließen noch alle überzeugen können.

Auch Fehler gehören dazu. Wenn etwas scheitert, müssen wir daraus lernen und es verbessern. Wer gar nicht erst handelt, kommt über den Stillstand jedenfalls nicht hinaus.

Deshalb wünsche ich mir manchmal wieder etwas mehr Mut zum Machen. Weniger Bedenkenträger, weniger Dauerdiskussionen und weniger Menschen, die sich um ihrer selbst willen in jede Debatte einbringen müssen.

Manches lässt sich erst beurteilen, wenn wir es ausprobieren. Dafür müssen wir uns entscheiden und anfangen.

Oft braucht es jemanden, der den ersten Schritt macht. Weiterreden allein verbessert noch nichts.

Kritik und andere Meinungen behalten dabei ihren Platz. Gute Diskussionen helfen uns, vernünftige Entscheidungen zu treffen. Sie sollten nur nicht selbst zum Zweck der ganzen Arbeit werden.

Eine Straße muss irgendwann gebaut, ein Verein geführt und ein Vorhaben im Unternehmen umgesetzt werden. An diesem Punkt müssen aus Worten Taten werden. Davon wünsche ich mir wieder mehr.

tom

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