Laut. Bunt. Friedlich. Und plötzlich war alles anders.
Vorab ein paar Worte…
Der CSD in Berlin war für mich in diesem Jahr weit mehr als einfach nur eine weitere Veranstaltung. Ich war wieder mit Herz dabei.
Natürlich war ich auch als Techniker vor Ort. Und wer mich kennt, weiß: Wenn ich bei einer Veranstaltung für die Technik mitverantwortlich bin, habe ich meistens eine Hand am Paradewagen, ein Ohr bei der Musik und den Blick irgendwo zwischen Stromversorgung, Lautsprechern und der Frage, ob noch alles dort ist, wo es hingehört.
So richtig unbeschwert „nur mitfeiern“ funktioniert bei mir wahrscheinlich sowieso nicht. Irgendein Kabel könnte schließlich immer noch rumspaken.
Aber genau das gehört für mich dazu.
Mit Herz dabei
Ich liebe es, mit anderen eine Veranstaltung auf die Beine zu stellen. Irgendwann merkt man dann, dass es richtig war, dabei zu sein, und dass sich die Mühe trotz der kleinen Sorgen gelohnt hat.
Dieser CSD war genau so ein Moment.
Es war eine wunderschöne Party für alle, die Bock darauf hatten, gemeinsam zu feiern und sichtbar durch Berlin zu ziehen.
Knapp sieben Kilometer zog die Parade durch Berlin. Überall war Musik, Menschen tanzten und lachten. Das mitzuerleben hat mir gutgetan.
Auch wenn man als Techniker nie vollständig abschalten kann, habe ich mich während der gesamten Parade zu jeder Zeit sicher gefühlt. Die Menschen waren friedlich, die Stimmung war ausgelassen und die Leute waren einfach gut drauf.
Natürlich war es voll, laut und an manchen Stellen auch ein wenig chaotisch. Aber wer bei einer Parade mit mehreren Einhunderttausend Menschen völlige Ruhe und geordnete Zweierreihen erwartet, sollte vielleicht besser einen Sonntagsspaziergang am Feldweg entlang machen.
Was für mich zählte, war das Gefühl auf der Straße.
Und dieses Gefühl war gut.
Menschen standen am Rand, winkten, tanzten und freuten sich. Auf den Wagen wurde gefeiert. Dazwischen waren unzählige Helfer, Techniker, Fahrer, Organisatoren und Sicherheitskräfte unterwegs, die im Hintergrund dafür sorgten, dass diese riesige Veranstaltung funktionieren konnte.
Viele davon sieht später kaum jemand. Aber ohne sie würde kein einziger Wagen rollen, keine Musik laufen und am Ende auch niemand feiern.
Eine Veranstaltung endet nicht mit dem letzten Lied
Für mich ist nach dem letzten Lied noch lange nicht Schluss. Erst wenn der letzte Wagen an seinem Platz steht, die Projektleitung „FERTIG“ sagt und wir alle finden, dass wir es geschafft haben, ist die Veranstaltung zu Ende.
Also ging es nach der Parade in die Abbauzone an der Altonaer Straße, hinter der Siegessäule. Wie immer war auch dieser Teil gut geplant. Die Wagen kamen an, die Technik wurde zurückgebaut und jeder wusste weitgehend, was zu tun war.
Zumindest meistens.
Bei Veranstaltungen gibt es schließlich immer diesen einen Moment, in dem irgendjemand fragt:
„Wo ist eigentlich…?“
Und meistens befindet sich genau das Gesuchte dort, wo es vorher jemand „ganz sicher“ hingelegt hat.
Aber auch der Abbau funktionierte. Die Arbeit war erledigt, die Wagen waren versorgt und irgendwann konnte man tatsächlich sagen: Feierabend.
Oder zumindest fast.
Eigentlich sollte der Tag ganz normal enden
Anschließend machten wir uns zu Fuß durch den Tiergarten auf den Weg zum Sony Center. Dort standen unsere Fahrzeuge im Parkhaus. Nach fast sieben Kilometern Parade, Technik, Abbau und dem anschließenden Fußweg kamen wir zu einer vollkommen überraschenden Erkenntnis:
Wir hatten Hunger.
Also entschieden wir uns, noch gemeinsam etwas essen zu gehen.
Eigentlich war es ein ganz normaler Abschluss für einen langen Veranstaltungstag. Noch etwas zusammensitzen, essen, über den Tag reden und vielleicht über die kleinen Dinge lachen, die wie immer nicht ganz nach Plan gelaufen waren, am Ende aber trotzdem funktioniert hatten.
Genau so sollte dieser Tag eigentlich enden: mit müden Beinen, gutem Essen und dem Gefühl, Teil einer wirklich schönen und friedlichen Veranstaltung gewesen zu sein.
Doch nach dem Essen änderte sich die Stimmung.
Plötzlich war alles anders
Gefühlt war auf einmal in ganz Berlin alles unterwegs, was Blaulicht hatte. Polizei, Rettungswagen und weitere Einsatzfahrzeuge waren überall zu sehen und zu hören. Dazu kamen Sirenen, Bewegung und dieses ganz bestimmte Gefühl, dass etwas passiert sein musste.
Zu diesem Zeitpunkt wussten wir noch nicht genau, was los war. Aber man merkt ziemlich schnell, wenn eine Situation nicht mehr normal ist. Man hört anders hin, schaut genauer und irgendwann sagt auch keiner mehr: „Das wird schon nichts sein.“
Wir entschieden uns deshalb, die Innenstadt so schnell und auf möglichst direktem Weg zu verlassen. Keine Umwege, keine weitere Station – einfach ins Auto und raus aus Berlin.
Je mehr Informationen uns erreichten, desto klarer wurde, dass wir mit dieser Entscheidung richtiglagen. Gleichzeitig wurde uns aber auch bewusst, wie viel Glück wir gehabt hatten.
Manchmal entscheiden wenige Minuten
Wir waren bereits ungefähr 20 bis 25 Minuten vorher in Richtung Sony Center unterwegs gewesen. Hätte sich beim Abbau nur eine Kleinigkeit anders ergeben – ein Lkw mehr, ein kleiner Umweg oder ein paar Minuten Verzögerung –, hätte der Tag für uns ganz anders enden können.
Unsere Wege waren beinahe dieselben wie die des Attentäters.
Vielleicht hätten ein paar Minuten gereicht. Vielleicht eine andere Entscheidung oder ein etwas anderer Weg.
Manchmal sind es keine großen Dinge, die darüber entscheiden, ob man zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Manchmal ist es die spontane Entscheidung, noch etwas essen zu gehen. Ein Fußweg, der etwas länger dauert. Ein Gespräch, das fünf Minuten mehr Zeit in Anspruch nimmt. Oder die Tatsache, dass man nach einem anstrengenden Tag nicht sofort losfährt.
Wir hatten Glück. So schlicht muss man es sagen.
Wir waren mit insgesamt 14 Leuten unterwegs. Wir sind alle sicher nach Hause gekommen – aber das Erlebte und vor allem der Gedanke daran, wie knapp es möglicherweise gewesen sein könnte, hat uns alle ziemlich getroffen.
Auf der Rückfahrt war es im Auto ungewöhnlich ruhig. Jeder hing vermutlich seinen eigenen Gedanken nach. Nach einem solchen Tag, an dem vorher noch so viel geredet, gelacht und gemeinsam erlebt wurde, sagt diese Ruhe wahrscheinlich mehr als viele Worte.
Dieser Gedanke beschäftigt mich seitdem.
Kurz zuvor hatten die Menschen dort noch getanzt, gelacht und gefeiert. Sie wollten einfach einen schönen Tag erleben.
Gerade noch war alles laut und bunt, voller Musik und Lebensfreude. Und dann passiert plötzlich etwas so Schreckliches.
Dieser Gegensatz ist schwer zu begreifen.
Freude auf der einen, Fassungslosigkeit auf der anderen Seite
Ich erinnere mich an eine wunderschöne, friedliche Parade und an Menschen, die miteinander gefeiert und aufeinander aufgepasst haben.
Genauso bleiben die Trauer und die Fassungslosigkeit darüber, wie schnell dieser Tag umgeschlagen ist. Der Abstand zwischen „alles gut“ und „es hätte ganz anders kommen können“ fühlt sich im Nachhinein verdammt klein an.
Meine Gedanken sind bei den Menschen, die von dieser schrecklichen Tat betroffen sind. Bei ihren Familien, ihren Freunden und bei allen, die diese Bilder und Erlebnisse nicht einfach abschütteln können.
Ich möchte mir trotzdem nicht nehmen lassen, auch an das Gute dieses Tages zu denken.
Ich denke an die vielen friedlichen Menschen, die gemeinsam gefeiert, gelacht und getanzt haben. An die Helfer, Techniker, Fahrer und Organisatoren, die im Hintergrund ihren Teil dazu beigetragen haben, dass eine Veranstaltung dieser Größe überhaupt funktionieren konnte.
Und natürlich denke ich auch an die Sicherheits- und Einsatzkräfte, die an diesem Tag Verantwortung übernommen haben – viele davon später unter Umständen, die sich am Morgen vermutlich noch niemand hätte vorstellen können.
Auch die Menschen auf den Wagen und am Straßenrand gehören zu meiner Erinnerung. Durch sie und ihren friedlichen Umgang miteinander war dieser CSD über viele Stunden das Fest, auf das wir uns gefreut hatten.
Denn auch das gehört zur Wahrheit dieses Tages.
Laut, bunt und friedlich
Auf der Straße konnte man die Freude hören und die Vielfalt sehen. Die allermeisten wollten gemeinsam feiern, sichtbar sein und einen schönen Tag erleben. So habe ich den CSD erlebt: laut, bunt und friedlich.
Es war eine wunderschöne Party für alle, die Bock darauf hatten.
Was danach passiert ist, macht mich traurig und fassungslos. Es überschattet vieles. Aber es darf nicht alles auslöschen, was vorher schön, friedlich und voller Lebensfreude war.
Vielleicht ist genau das der Gedanke, an dem ich festhalten möchte:
Wir können nicht immer beeinflussen, wie schnell und unerwartet sich alles verändert. Aber wir können beeinflussen, wie wir in solchen Momenten miteinander umgehen.
Wenn plötzlich Unsicherheit entsteht, möchte ich friedlich bleiben und auf die Menschen um mich herum achten. Wer Hilfe braucht oder das Erlebte nicht abschütteln kann, sollte damit nicht allein bleiben.
Vor allem können wir selbst entscheiden, ob wir zulassen, dass Angst und Gewalt am Ende stärker sind als die Freude und das friedliche Miteinander, die diesen Tag vorher geprägt haben.
Ich möchte das nicht zulassen.
Was von diesem Tag bleibt
Wenn ich an diesen Tag zurückdenke, möchte ich mich nicht ausschließlich an die Sirenen, die Blaulichter und dieses ungute Gefühl nach dem Essen erinnern.
Ich möchte mich genauso an die Musik erinnern, an die tanzenden Menschen und an die knapp sieben Kilometer durch Berlin. An die vielen lachenden Gesichter, die gute Stimmung und an das Gefühl, Teil von etwas Besonderem gewesen zu sein.
Aber ich werde mich eben auch an den Moment danach erinnern. An die ungewöhnliche Ruhe im Auto. An die Gedanken, die vermutlich jeder von uns hatte. Und an die Erkenntnis, wie viel Glück wir als Gruppe an diesem Tag gehabt haben.
Von diesem Tag bleiben mir die schönen Erinnerungen genauso wie die Gedanken, die mich seitdem nicht loslassen.
tom