Ehrenamt zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Wer sich über viele Jahre ehrenamtlich engagiert, merkt irgendwann, dass sich etwas verändert hat. Nicht von heute auf morgen und sicherlich auch nicht überall. Aber das Miteinander fühlt sich vielerorts anders an als noch vor einigen Jahren.

Dabei geht es gar nicht darum, ständig zu sagen: Früher war alles besser. Das stimmt nämlich nicht. Früher gab es genauso Diskussionen, Fehler und unterschiedliche Meinungen. Aber eines hatte man oft mehr: Vertrauen. Vertrauen in die Menschen, die bereit waren, Verantwortung zu übernehmen.

Wer im Ehrenamt Verantwortung übernimmt, muss Entscheidungen treffen. Oft fehlen Informationen oder die Zeit ist knapp. Und dass man es nicht jedem recht machen kann, weiß man meist schon vorher.

Heute habe ich allerdings häufig das Gefühl, dass sich etwas verschoben hat. Viele möchten mitreden, aber immer weniger möchten mitentscheiden.

In Vereinen merke ich das besonders. Während der Planung werden Ideen vorgestellt und Helfer gesucht. Oft kommt wenig zurück, auch wenn ausdrücklich nach Meinungen gefragt wird.

Nach dem Fest sieht es plötzlich anders aus. Dann tauchen die besseren Ideen auf, und angeblich war schon vorher klar, dass etwas nicht funktionieren konnte. Hinterher hätten es viele ganz anders gemacht.

Da frage ich mich manchmal: Warum kam dieser Gedanke nicht eine Woche früher?

Vielleicht, weil Verantwortung eben auch bedeutet, sich festzulegen. Und das ist deutlich schwieriger, als hinterher zu erklären, wie man es gemacht hätte.

Fast noch spannender finde ich eine andere Entwicklung.

Kaum beginnt irgendwo eine Planung, gibt es fast immer jemanden, der auf etwas hinweist, das längst selbstverständlich bedacht wurde.

„Habt ihr auch genügend Getränke?“
„Denkt an den Sonnenschutz.“
„Nicht vergessen, die Genehmigungen einzuholen.“
„Und was macht ihr eigentlich, wenn es regnet?“

Natürlich sind das wichtige Punkte. Aber ganz ehrlich: Glaubt wirklich jemand, ein Organisationsteam beschäftigt sich monatelang mit einer Veranstaltung und kommt dabei nicht auf die Idee, Getränke zu bestellen oder einen Schlechtwetterplan zu überlegen?

Manchmal habe ich den Eindruck, dass solche Hinweise gar nicht deshalb kommen, weil sie wirklich helfen sollen. Man möchte einfach noch etwas Kritisches beitragen. Hauptsache, man hat gezeigt, dass man mitgedacht hat.

Vielleicht steckt gar keine böse Absicht dahinter. Vielleicht fällt es uns einfach schwer zu akzeptieren, dass andere ihre Aufgabe genauso ernst nehmen wie wir unsere eigene.

Was mir allerdings deutlich mehr Sorgen macht, ist das schwindende Vertrauen.

Vorstände werden von den Mitgliedern gewählt. Niemand wird dazu gezwungen. Die meisten übernehmen das Amt, weil es sonst niemand macht. Sie investieren unzählige Stunden ihrer Freizeit – oft ohne dass jemand überhaupt sieht, was alles im Hintergrund passiert.

Und trotzdem scheint heute jede Entscheidung erst einmal unter Verdacht zu stehen.

Natürlich darf man Dinge hinterfragen. Das gehört zu einer gesunden Gemeinschaft dazu. Aber zwischen einer konstruktiven Frage und grundsätzlichem Misstrauen liegt ein großer Unterschied.

Kritik ist wichtig!!!

Dauerkritik macht dagegen etwas kaputt. Sie zermürbt gerade diejenigen, die überhaupt noch bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.

Denn irgendwann stellt sich jeder Ehrenamtliche dieselbe Frage: Warum mache ich das eigentlich?

Warum opfere ich Abende, Wochenenden und Urlaubstage, wenn am Ende oft weniger darüber gesprochen wird, was gelungen ist, sondern fast ausschließlich darüber, was man noch hätte besser machen können?

Noch etwas fällt mir immer wieder auf.

Die eigene Leistung wird häufig ziemlich großzügig bewertet. Die Arbeit der anderen dagegen eher zurückhaltend. Gleichzeitig entstehen schnell kleine Grüppchen, in denen man sich gegenseitig bestätigt, dass „die da oben“ sowieso keine Ahnung hätten.

Interessanterweise sitzen in diesen Runden nur selten diejenigen, die bereit wären, selbst den Vorsitz zu übernehmen oder eine Veranstaltung zu organisieren.

Es ist eben deutlich einfacher, vom Spielfeldrand zu erklären, wie man das Spiel gewonnen hätte, als selbst auf dem Platz zu stehen.

Dabei wird auch gerne vergessen, dass Fehler kein Zeichen von Unfähigkeit sind. Sie sind meistens ein Zeichen dafür, dass überhaupt jemand gehandelt hat.

Wer Verantwortung übernimmt, macht Fehler. Wer nichts übernimmt, macht in der Regel auch keine. Vielleicht wirken manche deshalb so unglaublich fehlerfrei.

Ich finde, wir sollten uns zwischendurch fragen: Hilft mein Beitrag gerade weiter, oder möchte ich bloß zeigen, dass ich auch noch etwas zu sagen habe?

Ein Einwand bringt den Verein nicht automatisch weiter. Manchmal wäre es hilfreicher, den Menschen zu vertrauen, die sich bereit erklärt haben, Verantwortung zu übernehmen.

Ehrenamt ist kein Rundum-sorglos-Paket, das andere für uns erledigen. Die Menschen schenken ihre Zeit und treffen Entscheidungen. Dabei müssen sie auch Fehler machen dürfen, ohne gleich die Lust am Weitermachen zu verlieren.

Ich wünsche mir wieder mehr Vertrauen und Respekt. Und dass wir selbst bereit sind, Verantwortung zu tragen, wenn wir schon eine Meinung dazu haben.

Denn ohne die Menschen, die anpacken, gäbe es irgendwann nichts mehr, worüber man diskutieren könnte.

tom

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